Wir schreiben über das, was uns schmeckt, über den Durst, und wir werden keine Wahrheiten liefern, sondern Denkanstösse.

Schöner Saufen in Israel Teil 1: Nicht ganz koscher?

Schöner Saufen in Israel Teil 1: Nicht ganz koscher?

Fotos: Jörg Wilczek

 

Mordechai ist ein wortkarger, klein gewachsener Mann mit schwarzer Kippa und üppigem, schneeweissem Bart. Er trägt einen der typischen, blauen Arbeiterkittel, wie man sie aus vielen Weinkellereien kennt. Doch Mordechai ist kein einfacher Angestellter der Grosskellerei Carmel im israelischen Zichron Ja’akow, nein, Mordechai ist «kosher supervisor» und passt bei unserem Besuch auf, dass wir im Keller nichts anfassen – Koscherer Wein darf nur von praktizierenden Juden gemacht oder gar berührt werden.

 

Mordechai, «kosher supervisor», Carmel Winery, Zichron Ja’akow, Israel.

 

Carmel ist die älteste Kellerei Israels. Sie wurde 1882 gegründet und ist damit zwar 66 Jahre älter als der heutige Staat Israel aber wirklich jung, wenn man bedenkt, dass Wein laut der Bibel in der Gegend schon vor 2000 Jahren eine zentrale Rolle gespielt haben muss. Von Zichron Ja’akow ist der See Genezareth nur eine gute Stunde Autofahrt entfernt, auf halber Strecke passiert man die Stadt Nazareth.

Zu biblischen Zeiten war der Weinbau in der Gegend allgegenwärtig, davon sind auch die heutigen Weinproduzenten Israels überzeugt, doch nach der islamischen Eroberung der Levante in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts sei er komplett verschwunden. Israel hat weder alte Traubensorten noch eine wirkliche Weinbautradition. Baron Edmond de Rothschild war es, der ab 1882 begann, Grundstücke zu kaufen, er trieb die Gründung der Siedlungen Zichron Ja’akow und Rischon leZion voran und legte damit nicht nur den Grundstein für den modernen Weinbau im Land, er gehörte auch zu den wichtigen Unterstützern des Zionismus.

 

Baron Edmond de Rothschild wacht bis heute über die Carmel Winery.

 

Rothschild stammt aus der gleichnamigen, französischen Bankiersfamilie und besass zu Lebzeiten mitunter das legendäre Bordeaux-Château Clarke. Er gründete auch das israelische Weingut Carmel, wo Mordechai und seine Kollegen heute jährlich rund zehn Millionen Flaschen koscheren Wein produzieren und abfüllen – die Trauben dafür stammen von unzähligen Bauern. Es wird geschätzt, dass Rothschild für seine Unternehmungen im israelischen Weinsektor insgesamt rund 50 Millionen Dollar ausgab, wenn man die Ausmasse der Carmel-Kellerei sieht, scheint das mehr als realistisch.

 

Barak Dahan, Somek Winery, Zichron Ja’akow, Israel.

 

Carmel ist bis heute die grösste Kellerei in Zichron Ja’akow und die zweitgrösste in ganz Israel.  In den letzten Jahren sind einige neue Betriebe entstanden. Einer davon ist die Somek-Winery von Barak Dahan. Dahan ist Traubenproduzent in fünfter Generation und erwartet uns schon im Hof hinter dem Wohnhaus seiner Familie, das gleichzeitig auch Weingut ist. Er ist allein, einen «kosher supervisor» gibt es hier nicht. Erst seit 2003 füllt Barak Dahan eigene Weine ab, davor lieferte er alle seine Trauben der Carmel Winery, die heute zum Teil genossenschaftlich organisiert ist. Auch Barak Dahans Familie gehört zu den frühen Siedlern. Sein Ur-Ur-Grossvater kam Anfang der 1880-er-Jahre in die Gegend und er bestätigt uns, dass man nur mithilfe des Know Hows und der Gelder von Edmond Rothschild sesshaft werden konnte. Barak Dahan ist ein Vollblutwinzer, er öffnet die Augen weit, wenn er zu einer neuen Argumentation ausholt, gestikuliert mit seinen grossen Händen – ein Mann, der weiss, wovon er spricht und am liebsten spricht er von Wein. Baraks Englisch ist besser als das mancher Winzer in Frankreich oder Spanien, er lernte sein Handwerk mitunter in Australien. Seinen hebräischen Dialekt, insbesondere das ganz hinten im Rachen ausgesprochene R, versteckt er aber nicht. Er scheint darauf fast ein wenig stolz zu sein. Dahan produziert weder koschere Weine noch Mengen für den Massenmarkt. 2003 mit 3000 Flaschen begonnen, macht er heute rund 20’000. Koscheren Wein interessiert ihn nicht, «aus Qualitätsgründen», sagt er mit einem schelmischen Lachen.

 

Somek Winery, Zichron Ja’akow, Israel.

 

Die jüdischen Speisegesetze, die sogenannte Kaschrut, sieht für Wein ganz besondere Regeln vor und die gehen weit über einen «kosher supervisor» hinaus. «Obwohl Wein aus Trauben ein pflanzliches Produkt ist und daher keiner spezifischen Kaschrut-Vorschrift unterliegt, ist es für orthodoxe Juden notwendig, nur Traubenwein mit einem Koscher-Zertifikat zu trinken. Dies wird damit begründet, dass Traubenwein in anderen Religionen eine rituelle Bedeutung hatte und hat und daher der Gefahr unterliegt, im Rahmen von Götzendienst gebraucht zu werden. Daher ist es üblich geworden, dass nur der Wein aus Trauben, der in der Produktion von hierfür beauftragten Juden begleitet wird, als koscherer Wein gilt und entsprechend zertifiziert ist», steht dazu bei Wikipedia. Im Klartext bedeutet das: Die Aufzucht der Trauben und meist auch die Ernte stehen im Normalfall nicht unter Beobachtung, viele Winzer erzählen uns sichtlich stolz, dass sie im Rebberg auch Palästinenser beschäftigen. Einzig der Prozess im Keller wird überwacht und das nach den Regeln der Kaschrut, die sich – wie wir später noch erfahren sollten – nicht zwingend mit den allgemeinen Qualitätsstandards moderner Weinbereitung decken.

«Es wäre zwar sehr einfach bei uns Cabernet-Sauvignon-Trauben zu einem guten Preis an eine koscher zertifizierte Kellerei zu verkaufen, auch bei mittelmässiger Qualität», sagt Barak Dahan. «Daran bin ich aber nicht interessiert ­– ich will den qualitativ besten Wein machen.» Dass Qualität nur im Rebberg entstehen kann, gehört zu den abgedroschensten Phrasen der gesamten Weinwelt. Weniger wahr ist sie deswegen nicht, das weiss auch Barak Dahan. Sein Ziel ist es, auf biodynamischen Anbau umzustellen, auch wenn solche Zertifikate in Israel bis heute nicht bestehen. Derzeit denkt Dahan über eine sogenannte Dauerbegrünung im Rebberg nach – speziell für einen Standort selektionierte Pflanzen, die der Biodiversität im Rebberg und damit dem natürlichen Gleichgewicht der Kultur zuträglich sind. Wären die Weine vom Somek koscher zertifiziert, dürfte das zumindest zu Diskussionen mit dem Rabbi führen, der ihn kontrollieren würde. Biodiversität ist nach der Kaschrut nicht vorgesehen, nur eine Art darf auf einem Feld kultiviert werden, das Ausbringen von Pflanzen, die nicht geerntet werden, würde vermutlich noch toleriert, doch sobald Dahan einen Obstbaum pflanzen wollte, wie es viele gleichgesinnte Winzer weltweit tun, würde er wohl Probleme bekommen. «Die Israelis trinken immer mehr Qualitätswein», sagt er, der 60 Prozent seiner Produktion direkt ab Hof verkauft. Das Weingut Somek ist auch an Feiertagen geöffnet, an denen in der Gegend sonst eigentlich alles geschlossen ist, an diesen Tagen kämen sogar besonders viele Leute vorbei, erzählt Barak Dahan.

 

Adir Winery & Dairy, Kerem Ben Zimra, Israel.

 

Auch auf dem Weingut Adir ist man auf Besucher eingerichtet – im Gegensatz zu Somek wird hier allerdings mit der grossen Kelle angerührt. Adir befindet sich im oberen Galiläa, es gibt hier einen Raum für Kochkurse, eine eigene Bar zum Probieren von Wein und einen grossen Gartenbereich für die Verköstigung von Gruppen aus der ganzen Welt, die insbesondere von Oktober bis Dezember mit Autobussen anreisen. Wenn man in der Sonne unter dem schneeweissen Sonnenschirmen sitzt, vom wirklich vorzüglichen Ziegenfrischkäse kostet und dazu ein Glas Wein trinkt, vergisst man ganz schnell, wo man eigentlich ist. Adir liegt gerade mal 6 Kilometer südlich der Grenze zum Libanon, bis zum Grenzzaun nach Syrien im Osten sind es rund 40 Kilometer. 40’000 Besucher empfangen Yossi Rosenberg, der CEO, und sein Bruder Avi, der Winemaker, jährlich.

 

Yossi Rosenberg, Adir Winery, Kerem Ben Zimra, Israel.

 

Familie Rosenberg flüchtete in den 1940er-Jahren aus Polen nach Israel. Sie verbündete sich mit der aus der Türkei eingewanderten Familie Ashkenazi und gemeinsam starteten sie Projekte im Agrarbereich. Die Familien bauen Obst an und besitzen eine der grössten Ziegenherden von ganz Israel. 2003 starteten sie das Projekt Adir – was auf Hebräisch so viel wie «grossartig» bedeutet. Einerseits produzieren sie hier Wein, andererseits den feinen Ziegenkäse, Eis und andere Produkte aus Ziegenmilch. Die Besucher können kosten und natürlich auch kaufen.

 

Der Süsswein Plot 98 der Adir Winery reift unter der Sonne im Freien. Ähnlich wie ein Vin Doux Naturel in Südfrankreich.

 

Yossi Rosenberg ist ein umtriebiger Geschäftsmann, sein Telefon klingelt quasi ununterbrochen, dennoch nimmt er sich die Zeit, um uns die erst kürzlich bezogenen, neuen Kellerräume zu zeigen. Er und sein Bruder haben in der modernen Lagerhalle eine audiovisuelle Show für die Besucher eingerichtet, bei der mitunter die Weinfässer als Projektionsflächen dienen. Schon wieder vergessen wir, wo wir eigentlich sind – dieser Ort könnte ebenso gut im kalifornischen Napa Valley liegen. «Die USA ist für uns durchaus ein Vorbild» bestätigt auch Yossi Rosenberg unsere Beobachtungen. Wie viele Weingüter in Israel beschäftigt Adir Berater aus den USA und aus Frankreich, die das Team bei der Weinbereitung unterstützen. Dass das Uniforme den Weinen anzumerken ist, ist dann auch kein Wunder. Doch die moderne Geschichte des israelischen Weines ist nun mal unglaublich jung.

 

Yatir Winery, Tel Arad, Israel.

 

Nicht nur die Bibel bestätigt es, auch archäologische Funde belegen, dass vor vielen Jahren schon einmal Wein in Israel angebaut wurde. In der Wüste Negev im Süden des Landes führten Archäologen im Jahr 2017 eine Weinpresse zu Tage, deren Alter auf rund 1600 Jahre geschätzt wird. Im Norden dieser Wüste befindet sich die Kellerei Yatir, benannt nach dem gleichnamigen Nadelwald, der sich hier befindet. Das mit den Wäldern und Bäumen ist für die Israelis ein grosses Thema. Die ursprünglich einmal natürlich vorhandenen Wälder sind zur Zeit des Osmanischen Reiches abgeholzt worden, um Eisenbahnstrecken zu bauen und so hat man bis heute auf israelischem Boden rund 185 Millionen Bäume neu gepflanzt. Der Yatirwald wurde ab 1964 angelegt, mit 30 Hektar Fläche ist er der grösste Wald in Israel. Er liegt am nördlichen Rand der Negevwüste und unmittelbar südlich der Grenze zum Westjordanland – vor der am Grenzzaun verlaufenden Strasse endet er abrupt.

 

Rebberg im Yatirwald mit Blick auf das südliche Westjordanland.

 

Eran Goldwasser empfängt uns. Er ist der Winemaker bei Yatir, ein smarter, sympathischer Mann und absoluter Verfechter der Frische im Wein – eine unabdingbare Eigenschaft als Weinmacher in einer Wüste. Er hat sein Handwerk in Südaustralien gelernt, einer ebenso heissen Weinbauregion. Die kleinen Parzellen des Weinguts Yatir befinden sich im gleichnamigen Wald. Sogar hier, wo Bäume stehen, müssen die Reben bewässert werden, sonst verkümmern sie. Dafür verwendet man bei Yatir Grundwasser aus der Wüste. Ob sich das lohnt? Der Spitzenwein des Gutes – Yatir Forest – gehört zu den von Kritikern bestbewerteten Gewächsen Israels und ist mit knapp 75 Dollar auch nicht gerade günstig.

Als wir uns von Eran Goldwasser und seinen Kollegen verabschieden, fragen wir sicherheitshalber noch nach dem Weg, das Navigationsgerät führt uns quer durch palästinensische Autonomiegebiete...

...Der nächste Teil unserer Israel-Reise erscheint in den kommenden Tagen.

 

Selfie mit Benjamin Herzog (l.) und Jörg Wilczek beim Feierabendbier in Jerusalem.

 

Die Israel-Reise von Schöner Saufen wurde organisiert und finanziert von Peter und Ruth Hilpert, Isratrade & Tours: www.isratrade.ch. Herzlichen Dank. Weine von Carmel und Adir sind bei Isratrade erhältlich.

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