Wir schreiben über das, was uns schmeckt, über den Durst, und wir werden keine Wahrheiten liefern, sondern Denkanstösse.

Schöner Saufen in Israel Teil II: Wasser zu Wein

Schöner Saufen in Israel Teil II: Wasser zu Wein

Fotos: Jörg Wilczek

 

Wir sind spät dran. Doron und Sima Rav Hon erwarten uns bereits vor ihrer modernen Sphera Winery in den judäischen Bergen südwestlich der Stadt Jerusalem. Obwohl wir nur etwas mehr als eine Stunde im Auto unterwegs waren, ist es hier merklich kühler als in der Yatir-Wüste, die Vegetation ist üppig und das Weingut in einer zweckmässig und neu erbauten Lagerhalle mit seinen silbern glänzenden Weintanks durchaus vergleichbar mit vielen modernen High-Class-Weingütern in anderen Regionen auf der Welt. Wie die Fahrt war, wollen Doron und Sima von uns wissen und machen uns mit ihrer nächsten Aussage augenblicklich klar, dass wir eben nicht auf irgendeinem Weingut in irgendeinem Land sind. «Diese Strecke würden wir nie fahren, das ist viel zu gefährlich», sagt Doron aufgebracht, als er hört, dass wir den direkten Weg vom Yatirwald nach Giv'at Yesha'ayahu gewählt haben – also über die befestigte «grüne Linie» und durchs Westjordanland fuhren, vorbei an vielen palästinensischen Ortschaften, mitunter Vororte der Stadt Hebron.

 

Doron und Sima Rav Hon, Sphera Winery, Giv'at Yesha'ayahu, Israel.

 

Wir für unseren Teil fühlten uns auf der Fahrt nie in Gefahr, auch wenn wir bemerkten, dass unser Fahrer die Strecke schnell hinter sich bringen wollte. Es handelte sich dabei um die sogenannte Zone B: «Gebiete mit palästinensischer Autonomie in zivilen Angelegenheiten und Kooperation mit Israel in allen sicherheitsrelevanten Belangen.» An vielen Abzweigungen weg von unserer Strasse warnten uns grosse rote Tafeln vor der Fahrt in die Zone A – «selbstverwaltete palästinensische Autonomiegebiete.» Dort ist Folgendes in Hebräisch, Arabisch und auch Englisch zu lesen: «This Road leads To Area «A» Under The Palestenian Authority - The Entrance For Israeli Citizens Is Forbidden, Dangerous To Your Lives And Is Against Israeli Law». Ob wir als Ausländer denn auch in Gefahr wären, wenn wir die Tafeln passierten und in die palästinensischen Ortschaften fahren würden, möchten wir wissen. Doron, Sima und unsere Begleiter scheinen sich darüber nicht wirklich sicher zu sein. Die Welt jenseits der grünen Linie – die «palästinensisch verwalteten Gebiete» – befinden sich zwar in unmittelbarer Nachbarschaft, sind ihnen aber trotzdem fremd. Die warnenden, roten Tafeln zeigen Wirkung.

 

Die Tafel am Strassenrand weist daraufhin, dass man als israelischer Bürger nicht weiterfahren darf.

 

Das Weingut Sphera widmet sich der Produktion erstklassiger Weissweine, das ist so in Israel einzigartig. Denn das warme Klima und vor allem der Geschmack der Menschen lassen viele eher auf Rotwein setzen. Doch Weinmacher Doron Rav Hon entschied sich bei seinem eigenen Weingut nur noch Weine zu machen, die er selber auch trinken will. «Zuhause trinken wir quasi nur Weisswein», sagt er. «Und Schaumweine natürlich – wir lieben Champagner.» Doron lernte sein Handwerk in Beaune im Burgund und produziert delikate, präzise Weissweine, wie man sie in Israel kaum findet. Sphera-Weine sind nicht koscher – die einzige Leitlinie für Doron ist die Qualität und vor allem der Ausdruck des Ortes. «Jede Weinregion in Israel ist einzigartig und auch jedes Weinjahr stellt uns vor Herausforderungen», sagt er. «Nur sind die meisten Produzenten nicht interessiert daran, die Typizität eines Ortes oder Jahrgangs herauszuarbeiten – sie ernten zu spät und verwenden sehr viel Holz. Wein wie Coca Cola zu machen, das ist nicht mein Ding.» Doron weiss wovon er spricht. Lange Jahre war er angestellter Önologe bei einem grossen israelischen Weinproduzenten, seinen langjährigen Traum vom eigenen Weingut hat er sich erst vor wenigen Jahren verwirklicht. Auf den Etiketten von Sphera sucht man die hebräische Schrift übrigens vergeblich. White Concept und White Signature heissen die Weinlinien. «Das machen wir bewusst», sagt Sima Rav Hon, die für das Marketing des Gutes verantwortlich zeichnet. «Unsere Weine sind nicht für den hiesigen Markt bestimmt, sondern für den Export.»

 

Sphera Winery, Giv'at Yesha'ayahu, Israel.

 

«Fine Wine», also Wein von höchster Qualität und grossem Ausdruck, spielte in Israel lange keine Rolle. Man hatte in der jungen Geschichte des Landes zugegebenermassen andere Sorgen. Doch das Land ist im Umbruch. In den letzten Jahren ist eine aktive, kreative Foodszene entstanden, Gerichte wie Shakshuka sind längst auf den Karten angesagter Brunch-Restaurants auf der ganzen Welt zu finden. Die israelische Küche mit ihren arabischen und mediterranen Einflüssen dürfte zu den nächsten grossen Foodtrends gehören. Und der heimische Wein kriegt dadurch natürlich auch seine Aufmerksamkeit. Zum Essen folgt in den nächsten Wochen ein separater Text auf schoenersaufen.com. Zurück zum Wein: Die Sphera Winery hat sich mit drei anderen, handwerklich arbeitenden Produzenten zum Judean Hills Quartett zusammengeschlossen. Sie wollen das Gebiet zwischen dem Mittelmeer und den Bergen Jerusalems bekannt machen – oder wieder bekannt machen, in der Region wurden Hinterlassenschaften antiker Weinpressen zu Tage geführt. Aus moderner Sicht ist es durchaus nachvollziehbar, dass man hier bereits zu biblischen Zeiten Wein anbaute: Dank des verhältnismässig milden Klimas und den Kalkböden gehören die Judean Hills zu den interessantesten Weinbauzonen des gesamten Landes – oder der ganzen Welt, wie es das Judean Hills Quartett selbstbewusst kommuniziert.

 

Eli Ben Zaken, Domaine du Castel, Ramat Raziel, Israel.

 

Eli Ben Zaken von der Domaine du Castel ist ebenfalls Teil des Judean Hills Quartetts. Der ältere Herr mit seinen leuchtenden Augen, versteckt hinter einer hellen Sonnenbrille, begrüsst uns bei unserem Besuch persönlich. Er liess für uns sogar eine Schweizerfahne neben der israelischen Fahne vor dem Weingut hissen. Schwer vorstellbar, dass das ein Schweizer Winzer für israelische Weinjournalisten tun würde.
Eli Ben Zaken gehört zu den Begründern des Qualitätsweinbaus in Israel. Vor den Toren der heiligen Stadt produziert er Bordeaux-Blends, die nicht nur in den Restaurants und Shops in Israel reissenden Absatz finden, sondern auch rege exportiert werden, zudem einen im Holzfass vergorenen Chardonnay von Weltformat.

 
Wehende Schweizer Fahne vor der Domaine du Castel.

Wehende Schweizer Fahne vor der Domaine du Castel.

 

1983 kelterte Eli Ben Zaken seinen ersten Wein als Hobby, damals führte er das laut eigener Aussagen «erste italienische Restaurant in Israel». 1992 vermarktete er erstmals 600 Flaschen, rund zehn Jahre später gelang ihm dann der grosse Durchbruch. Im Jahr 2002 wurde er zu einer Verkostung von René Gabriel in Zürich eingeladen. «Es hatte dort erstklassige Cabernet-Produzenten aus der ganzen Welt» erklärt er uns sichtlich stolz. «Mein Wein wurde von der anwesenden Jury als zweitbester bewertet und beim Gästeranking landete ich auf dem sechsten Platz.» Im gleichen Jahr wurde der rote Flaggschiffwein «Grand Castel» zum Wine of the Year im englischen Magazin Decanter gewählt. Es war der Beginn einer internationalen Erfolgsgeschichte und ja, das ist noch gar nicht lange her.

 
Peter Hilpert, Eli Ben Zaken, und Benjamin Herzog auf der Domaine du Castel, Ramat Raziel, Israel.

Peter Hilpert, Eli Ben Zaken, und Benjamin Herzog auf der Domaine du Castel, Ramat Raziel, Israel.

 

Im Jahr darauf – 2003 – beantragte Eli Ben Zaken das Koscherzertifikat für sein Weingut. «Unsere Weine wurden zwar international gefeiert und auch exportiert», erklärt er. «Doch unser Wein war teuer und wurde nicht wirklich verkauft.» Mit dem Zertifikat änderte sich das. Bei den meisten unserer Weingutsbesuche in Israel wurden wir von einem «Kosher Supervisor» begleitet, damit wir nichts anfassten, auf der Domaine du Castel allerdings nicht. «Die vertrauen uns eben, dass wir uns selber an die Regeln halten», sagt Eli Ben Zaken darauf angesprochen. Der erst kürzlich neu erbaute Keller ist beeindruckend, insbesondere der kathedralenhafte, unterirdische Barriquekeller, die optische Sortiermaschine und der moderne aber einladende Verkostungsraum. Auf der Domaine du Castel scheint man mit koscheren Weinen gutes Geld zu verdienen. «Wir wollen nicht 3000 Flaschen guten Wein machen», sagt Eli Ben Zaken ganz unverblümt. «Das Konzept ist eher wie in Bordeaux, wir wollen 100 000 Flaschen erstklassigen Wein machen.»

Eli Ben Zaken hat nicht nur was das Unternehmertum angeht einigen seiner israelischen Weinmacherkollegen etwas voraus, die langjährige Erfahrung ist auch den Weinen anzuspüren. Schon dem kleinen Rotwein, dem Petit Castel, der auf vielen Weinkarten des Landes zu finden ist, spürt man das präzise Winemaking an. Eli Ben Zaken ist extrem offen, was seine Methoden und Erfahrungen betreffend Weinbau und Vinifikation angeht, denn im heissen Klima Israels lässt sich  ohne gewisse Technologien kein Wein machen.

 

Domaine du Castel, Ramat Raziel, Israel.

 

Wie in vielen heissen Gegenden auf der Erde liegt die Problematik neben dem Wassermangel in den Rebbergen insbesondere beim PH-Wert der zu vergärenden Trauben. Umso heisser es in einer Gegend ist, desto tiefer ist die Säure im Most und desto höher der PH-Wert. Für eine optimale Mikrobiologie, einen problemlosen Gärverlauf und eine entsprechende Stabilität im späteren Wein, darf dieser aber nicht zu hoch sein. Die einzige Lösung ist das Ansäuern des Mostes mit Weinsäure. Naturwein – Wein ohne Zusatzstoffe – gibt es in Israel laut Ben Zaken also nicht: «Ohne die Zugabe von Weinsäure kann man in Israel keinen stabilen Wein machen, wer was anderes sagt, der lügt», sagt er. «Für mich sind Kellermethoden oder die Bewässerung von Weinbergen nichts Schlimmes, das sind Tools, die wir hier nun mal benötigen.» Das heilige Land verlangt also einige Anstrengungen, um im Jahr 2018 überhaupt Wein hervorzubringen.

 

Domaine du Castel, Ramat Raziel, Israel.

 

Von den Eigenheiten und Methoden im Weinland Israel weiss auch Shiki Rauchberger viel zu erzählen. Der sympathische, ältere Herr mit Kippa, der typischen, runden Kopfbedeckung praktizierender Juden, ist Winemaker bei einer der grössten Weinkellereien Israels, der Teperberg Winery. Dass hier die Technologie beim Weinmachen nicht zu kurz kommt, ist von weitem zu sehen. Die Büros und Sitzungszimmer befinden sich in umgebauten Schiffscontainern, die grossen Gärtanks mit ihren unzähligen Leitungen und Plattformen erinnern eher an eine Ölraffinerie als eine Weinkellerei. Bei unserem Besuch regnet es, neben dem Winemaker Shiki Rauchberger begleitet uns natürlich auch wieder ein Kosher-Supervisor und ein Marketing- und Salesmann ist diesmal ebenfalls mit dabei. Bei einem Weingut dieser Grösse nicht weiter verwunderlich – vier Millionen koscheren Wein werden hier jährlich vinifiziert und abgefüllt. Wir kriegen Regenschirme und Shiki Rauchberger beginnt zu erzählen. Von seiner Zeit an der UC Davis in Kalifornien, wo er Weinbau studierte und von den Herausforderungen und Vorteilen Israels als Weinland. Er, der neben den USA auch in Chile, Australien und Italien als Weinmacher praktizierte, kennt das internationale Weinbusiness ganz genau.

 

Shiki Rauchberger, Teperberg Winery, Tsor'a, Israel

 

Das koschere Weinmachen sei Marketingmässig ein Vorteil für eine Kellerei in Israel, doch technisch sei das schon schwierig. «Vieles bei uns ist automatisiert», sagt er ganz unverblümt. «Wir arbeiten am Shabbat nicht, auch wenn der Wein gärt und vielleicht unsere Aufmerksamkeit benötigen würde. Da ist es dann gut, wenn eine Maschine macht, was gemacht werden muss.» Wie viele Weingüter in Israel bezieht sich auch die Teperberg-Winery in ihrer Kommunikation auf die reiche Geschichte des Landstrichs als Weinbaugebiet. «Vor 1500 Jahren waren unsere Weine bereits beliebt und bekannt in weiten Teilen der Welt.», sagt Shiki Rauchberger. «Leider ging dieses Know How unter der arabischen Herrschaft verloren. Wir haben vor 150 Jahren ohne Traditionen begonnen. Unser heutiger Erfolg fusst also auch nicht darauf, sondern auf Technologie.» Was damit gemeint ist merken wir, als wir in grossen, ledernen Bürosesseln rund um einen Sitzungstisch in einem der Container des Weingut Platz nehmen und die Weine kosten. Die Weine sind gut, «State of the Art», aber berühren tun sie uns nicht. Hinzu kommt der stattliche Preis – den sieht auch Shiki Rauchberger als Problem, doch die Arbeit in Israel sei nun einmal teuer, gerade wenn man koscher produziere, nur Juden beschäftige und auf teure Kellerautomation setze. Ausflüchte sucht Shiki Rauchberger keine, der Erfolg der Teperberg Winery auf dem heimischen und dem internationalen Markt gibt dem Unternehmen und der gesamten israelischen Weinindustrie ja irgendwie auch recht.

 

Teperberg Winery, Tsor'a, Israel.

 
 
 

Die Israel-Reise von Schöner Saufen wurde organisiert und finanziert von Peter und Ruth Hilpert, Isratrade & Tours: www.isratrade.ch. Herzlichen Dank. Weine von Teperberg sind bei Isratrade erhältlich.

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