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Schöner Saufen in Israel Teil III: Die Siedler

Schöner Saufen in Israel Teil III: Die Siedler

Fotos: Jörg Wilczek

 

Wer einen Rebberg pflanzt, muss sich seiner Sache sicher sein: Mindestens drei Jahre dauert es, bis eine Rebe erstmals brauchbare Trauben liefert und danach viele weitere Jahre bis die Investition amortisiert ist. Rebstöcke in einem Gebiet wie den Golanhöhen zu pflanzen hat eine ganz eigene, starke Symbolik – wer das tut, ist hier, um zu bleiben. Die Zone zwischen dem See Genezareth und der syrischen Hauptstadt Damaskus ist international als Teil Syriens anerkannt, wird seit dem Sechstagekrieg von 1967 aber von Israel kontrolliert. Seit 1981 gilt es als annektiert. Genau in diesem Gebiet befindet sich die Golan Heights Winery. Die ältesten Rebstöcke des Weinguts wurden von jüdischen Siedlern im Jahr 1976 gepflanzt. 

Dem Land sieht man seine politische und militärische Sprengkraft nicht an. Die Landschaft hier ist überraschend üppig, fruchtbar scheint sie zu sein. Links und rechts der Strassen steht hohes Gras, das sich im kühlen Frühlingswind sanft bewegt. Ein paar grosse Kurven macht die Strasse, als sie sich auf das Felsplateau hochschraubt. In ihrer Kargheit erinnert die Szenerie an Landstriche wie die schottischen Highlands. Verlangsamt sich die Fahrt, wird einem wieder bewusst, wo man sich befindet. Am mit Stacheldraht eingezäunten Strassenrand warnen Tafeln vor Minen. Von einem Aussichtspunkt aus sehen wir weit nach Syrien hinein, durch den mitgebrachten Feldstecher entdecken wir zerstörte Gebäude genauso wie den UN-Stützpunkt wenige Kilometer entfernt. Alleine die Aussicht führt uns vor Augen, warum der Ort seit Jahrtausenden militärstrategisch von grosser Bedeutung ist. 

 

Ein archäologisches Artfakt im Besucherzentrum der Golan Heights Winery – schon die Byzantiner pflegten Reben auf den Golanhöhen.

 

Gegründet wurde die Golan Heights Winery 1983, kurz nach der Übernahme des Landes durch Israel also. Rund 150 Personen finden hier heute Arbeit, zählt man das umstrittene Gebiet zu Israel, dann gehört die Golan Heights Winery zu den drei grössten Weinproduzenten des Landes. Das Unternehmen ist in Besitz von acht Gesellschaftern: vier Kibbuzim und vier Moschawim. Als Kibbuz wird in Israel eine ländliche Kollektivsiedlung bezeichnet, die basisdemokratisch organisiert ist. Ein Moschaw dagegen ist genossenschaftlich organisiert – die Güter der Bewohner befinden sich teilweise in Kollektiv- und teilweise in Privatbesitz. Logisch, dass sich die Bewohner der kellereibesitzenden Siedlungen in erster Linie dem Anbau von Trauben widmen und diese an die eigene Kellerei verkaufen. Die Weine wiederum werden in die ganze Welt verschifft.

 

Golan Heights Winery, Qatsrin, Golanhöhen.

 

Das Gelände der Golan Heights Winery wirkt wie eine grosse, heile Weinwelt inmitten einer der umkämpftesten Zonen des Nahen Ostens. Die Landschaft, die unzähligen biblischen Artefakte und wohl auch der grosse, gepflegte Garten der Kellerei sowie das Besucherzentrum mit seinen toskanischen Fensterbögen ziehen die Touristen gleich reisebusweise an. Dahinter erheben sich die Produktionsanlagen mit grossen, in der Sonne glänzenden Gärtanks. Im Hof stehen leere Fässer, an denen die Angestellten eine grosse Israelfahne angebracht haben. In den als Keller dienenden Lagerhallen gleich nebenan gibt es Aussichtsplattformen für die Besucher, in die Nähe des Weines dürfen wir aber nur in Begleitung eines Angestellten, der sicherstellt, dass wir nichts anfassen. Die Weine der Golan Heights Winery sind alle koscher zertifiziert und ebenso gut gemacht. Es sind Weine für den Massenmarkt, hergestellt mit önologischem Know How aus Kalifornien. Die Flaggschiffe der Kellerei sind die Weine der Linie Yarden – der hebräische Name für den Fluss Jordan – der die Grenze zwischen den Golanhöhen und Galiläa bildet. Die Golanhöhen sind nicht nur militärstrategisch, sondern auch weinbautechnisch interessant – das beweisen die Yarden-Weine exemplarisch. Als kühlste Region weit umher lassen sich hier von Natur aus harmonische Trauben mit annehmbaren Säure- und Zuckerwerten erzeugen. Selbstbewusst erklärt man uns bei unserem Besuch, dass wir bessere Weine als die der Golan Heights Winery in ganz Israel nicht finden würden. Schaut man sich die Auszeichnungen an, die die Kellerei an internationalen Wettbewerben gewonnen hat, mag das stimmen, doch Weine von grossem Ausdruck oder Persönlichkeit entstehen bei Golan Heights nicht, ihre symbolische Strahlkraft ist für uns weitaus grösser als die Erinnerung an ihren Geschmack.

 

Moshe und Orit Kimche vor der Kleinstkellerei Lubavitch Winery, Ma‘ale Efraim, Westjordanland.

 

Quasi das Gegenteil der technisierten Golan Heights Winery ist die Lubavitch Winery von Moshe Kimche. Der bärtige, stämmige Mann lebt und arbeitet in der jüdischen Siedlung Ma‘ale Efraim im Westjordanland. Zusammen mit seiner Frau Orit bewohnt er ein kleines, einfaches Haus. Moshe war einst Koch und in diesem Beruf begnadet, was er mit der uns servierten Shakshuka gleich selber beweist. Vier Stunden lang hat er die Tomatensauce gekocht, erst als wir da sind, pochiert er die Eier darin. «Willst Du meinen Shakshuka-Trick erfahren», fragt uns Moshe mit leuchtenden Augen und breitem Lachen. Ein bisschen Teriyaki-Sauce vollbringe wahre geschmackliche Wunder. Moshe Kimche lacht. Bevor wir essen, betet Moshe, wäscht seine Hände rituell und segnet das Brot mit Salz. Der schwer gläubige Jude gehörte zu den ersten, die sich nach der Siedlungsgründung 1978 in Ma‘ale Efraim niedergelassen haben. Er gehört der orthodox-jüdischen Bewegung Chabad Lubawitsch an, trägt stets eine Kippa, schwarze Jeans und ein weisses Hemd, unter dem die Fransen seines Tallit Katan hervorschauen. Das ist eine ponchoartige Unterbekleidung, mit der besonders gläubige Juden ihrer Frömmigkeit zusätzlichen Ausdruck verleihen. Während der religiösen Zeremonie vor dem Essen wirkt Moshe andächtig, konzentriert, um nur Sekunden später das Glas zu erheben und uns das gesegnete Mal mit einem herzlichen Lachen zu servieren. Ganz wie es in Israel üblich ist. Wir trinken dazu seinen Wein und sind mehr als positiv überrascht. Moshes Tropfen hat genau das, was wir bei den Weinen von Golan Heights vermisst haben – Charakter und Persönlichkeit.

 
 

Das Weinmachen sei für ihn nichts Technisches, sagt er, sondern eine grosse Freude, ja gar ein religiöser Akt. «Wein ist im Judentum heilig», sagt Moshe. «Mir ist er es auch». Während der Wein in einem Gebäude unweit seines Hauses gärt, gehört diesem all seine Aufmerksamkeit. Alles, was Moshe dann tut, macht er von Hand und aus Intuition, nicht einmal eine Presse ist in seinem Minikeller zu finden. Moshe keltert jedes Jahr nur einen Wein, einen Rotwein aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Petit Verdot und Cabernet Franc. Seine Methoden sind im Gegensatz zu seiner Erscheinung unorthodox. Beispielsweise lässt er seinen Wein nicht in Barriques reifen, will auf ein gewisses Eichenholzaroma aber nicht verzichten und verwendet darum getoastete Holzchips. Eine Methode, die sonst eigentlich nur in industriellen Kellereien Anwendung findet. «Ich mache alles ein wenig anders als die anderen – Weinmachen ist für mich wie Kochen», sagt Moshe darauf angesprochen und lacht laut. Die Chips erlauben es ihm, den Wein abzuschmecken, er verwendet sie so ähnlich wie Teriyaki-Sauce in der Shakshuka, die dort ja eigentlich auch nicht hineingehört. Und das Resultat überzeugt – in der Flasche genauso wie im Kochtopf.

 

Moshe Kimche war einst Koch, heute keltert er Weine in einer Siedlung im Westjordanland.

 

Wir fahren mit Moshe Kimche zu seinen Rebbergen, die eine gute Stunde Autofahrt von seinem Wohnort entfernt liegen. Moshe ist offen und antwortet auf alle unsere Fragen. Ausserhalb der Siedlungen ist die Landschaft karg, er erklärt uns, dass das in den palästinensischen Gebieten normal sei, erst die jüdischen Siedler hätten das Land zu bebauen begonnen. Dass sich wenige Kilometer später links und rechts unserer Strasse Olivenhaine für palästinensisches Olivenöl befinden, sei mal dahingestellt. Wir halten bei einem von Moshes Rebbergen. Unweit der palästinensischen Stadt Nablus gedeihen Trauben hinter Drahtzäunen. Wir sind erstaunt ob der Lage, unmittelbar bei einem Checkpoint der israelischen Armee gelegen, der alle in die Stadt fahrenden Autos kontrolliert. Für Moshe als Israeli ist die Weiterfahrt verboten, er war noch nie in dieser Stadt. Ob das denn ein guter Ort für Weinbau sei, das Westjordanland, ein sicherer Ort zum Arbeiten für einen orthodoxen Juden und Siedler der ersten Stunde, wollen wir wissen. Moshe überlegt keinen Moment und findet deutliche Worte: «Das ist israelischer Boden», sagt er bestimmt. Angst seinen Rebberge zu verlieren hat Moshe nicht, viel eher scheint er stolz darauf zu sein, dass dieser hier und nicht im «normalen Israel» liegt. Moshe produziert nur wenige Tausend Flaschen Wein, die er nur zu einem kleinen Teil im Westjordanland oder in Israel absetzt, der Rest wird exportiert, in die Schweiz oder nach England. Seine Weine sind insbesondere bei orthodoxen Juden beliebt, denn Moshe hält sich bei der Produktion an besonders strenge Regeln. Badatz-zertifiziert sind seine Weine, eine Art «superkoscher», erklärt er uns.

 

Moshe Kimche im Gespräch mit Rebbergsarbeitern in einer Parzelle unmittelbar vor den Toren der Stadt Nablus.

 

Weine aus den sogenannten «israelisch besetzten Gebieten», aus dem Westjordanland und den Golanhöhen, sind umstritten, genauso wie alle anderen Produkte, die aus diesen Gebieten stammen und als «made in Israel» angeboten werden. Seit 2015 müssen solche Produkte für den Import in die EU-Länder entsprechend gekennzeichnet werden. Für die Israelis und insbesondere die Unternehmer in den erwähnten Zonen ist dies natürlich nicht haltbar. Yaakov Berg gehört zu den flammenden Verfechtern des Weinbaus und des internationalen Unternehmertums in jüdischen Siedlungen. Seine Psagot Winery befindet sich in der gleichnamigen Siedlung im Westjordanland, unmittelbar vor den Toren der palästinensischen Stadt Ramallah, rund 15 Autominuten von Jerusalem entfernt. Der Ort ist an einem Hügel gelegen, die Kellerei thront darüber. Von hier blickt man weit über das karge, wüstenhafte Land. Hier sieht das gelobte Land noch so aus, wie man es sich vorstellt, wenn man den Erzählungen der Bibel folgt – karg und wüstenhaft.

 

Strassenschilder auf dem Weg von Jerusalem zur Psagot Winery.

 

Yaakov Berg zeigt uns die Räume seiner Kellerei, bis auf das grosszügige, ebenerdige Besucherzentrum wirkt alles beengt – «Wir sind hier im Jahr 2003 eingezogen und haben damals 30 000 Flaschen Wein produziert», erklärt er uns. «Heute sind es 400 000». Die Psagot Winery gehört zu den äusserst erfolgreichen Weinprojekten um Jerusalem. Wir setzen uns mit Yaakov Berg und dem Exportmanager Eli Sales auf der grosszügigen Veranda des Gutes an einen gläsernen Tisch. Nur kurz sprechen wir über das Übliche, über das Mikroklima an diesem Ort, die Rebberge, die sich etwas entfernt auf 800 bis 900 Metern über Meer befinden, dann lenken Yaakov und Eli das Gespräch geschickt auf andere Bahnen. Sie erzählen uns, dass bei ihnen Palästinenser und Juden Seite an Seite arbeiten und dass es natürlich Terrorismus und Gewalt in der Region gäbe, doch dass es hier eigentlich viel besser sei als man im Ausland so denke. Die Ernte auf Psagot wird von Christen vollzogen, die freiwillig dafür hier Urlaub machen. Er wolle Frieden, betont Yaakov immer wieder in seiner flammenden, gut 45 Minuten andauernden Rede. Auf seinem Weingut sei dieser ein Stück weit Realität. «Eine Mauer macht keinen Frieden», sagt er. Yaakov Berg ist ein Mann mit einer starken Meinung und einem grossen Hang zur Gerechtigkeit. Die grösste Herausforderung für ihn und sein Weingut sieht er dann auch nicht im Standort, sondern in den Exportmöglichkeiten. Exportmanager Eli Sales erklärt, dass sie in den USA lange nicht nur den jüdischen Markt beliefern, sondern auch grosse Ketten wie Tesco oder Total Wine, in Europa allerdings sei dies undenkbar. «Manche mögen unsere Weine zwar, wenn ich aber sage, dass sie aus dem Westjordanland kommen, dann sind sie raus», erklärt er uns. In den Augen von Yaakov Berg eine unhaltbare Ungerechtigkeit, gegen die er bei jeder Gelegenheit das Wort ergreift. «Auf diesem Land stand gar nichts, bevor wir hierher kamen», erklärt er uns. «Man sieht wie sich das Land verändert, es ist die Bibel, die zu uns spricht.»

 

Blick von den Rebbergen der Psagot Winery auf die wünstenhafte, karge Landschaft.

 

Es verwundert nicht, dass die Psagot Winery zu den Unternehmen in den umstrittenen Zonen Israels gehört, die am stärksten für ihre eigenen Produkte kämpfen. Insbesondere die Deklarationspflicht der EU ist Yaakov Berg ein Dorn im Auge – kurzerhand prozessierte er gegen die Auflage des Staates Frankreich, dass sie ihre Weine als «aus jüdischen Siedlungen» kennzeichnen müssen. Begründung: Diskriminierung. Yaakov Berg ist sich seiner Sache sicher, er ist willensstark und scheint unaufhaltbar. Wenige Monate nach unserem Aufenthalt auf Psagot ereilt uns die Nachricht, dass Yaakov Berg den Gerichtsprozess gegen den französischen Staat gewonnen hat. Psagot darf seine Weine in Frankreich heute als «made in Israel» verkaufen. Wir erinnern uns an Yaakov Bergs abschliessende Worte an uns: «Es gab nie eine bessere Zeit, um Jude zu sein, als heute in Israel. Wir können alles erreichen.»

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Schöner Saufen in Israel Teil I: Nicht ganz koscher?
Schöner Saufen in Israel Teil II: Wasser zu Wein

Die Israel-Reise von Schöner Saufen wurde organisiert und finanziert von Peter und Ruth Hilpert, Isratrade & Tours: www.isratrade.ch. Herzlichen Dank. Weine der Lubavitch Winery sind bei Isratrade erhältlich.

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