Müller-Thurgau: gemästet und ausgequetscht

Der Schweizer Botaniker und Rebzüchter Hermann Müller kreuzte Ende des 19. Jahrhunderts allerhand Rebsorten miteinander. Da konnte es bei den Elternpaaren und deren Nachkömmlingen schon mal zu Verwechslungen kommen. Solche Missgeschicke kommen ja anderswo auch vor. Jedenfalls gelang jenem Müller mit einer Kreuzung ein grosser Wurf. Ihr Ertrag war reicher und ihr Geschmack fruchtiger als bei all seinen Versuchen zuvor. Posthum wurde die Rebe gar nach ihm und seiner Geburtsstätte benannt: Müller-Thurgau. Seiner Rebe schrieb Hermann Müller den Silvaner und den Riesling als Elternteile zu, wiewohl er ob der ganzen Herumkreuzerei den Überblick schon längst verloren hatte. Als 2009 ein Gentest den Silvaner als Erzeuger ausschloss und die Vaterschaft der unbedeutenden Neuzüchtung Madeleine Royale zuschrieb, war Müller schon lange tot. Ob er Madeleine Royale absichtlich verschwiegen hatte, kann er uns nicht mehr sagen.

Vielleicht hat die falsche Vaterschaft dem Müller-Thurgau auch ein bisserl auf die Sprünge geholfen. Schliesslich besass der Silvaner als indigene Sorte schon damals einen guten Ruf, während Madeleine Royale selbst das Königliche im Namen nicht zu Ruhm verhelfen konnte.

Da Wein generell nach dem Krieg Mangelware war, wurden Sorten bevorzugt, die Menge und Geschmack am besten unter einen Hut bringen konnten, wobei das Verhältnis bei der Auswahl stets zu Gunsten der Menge ausfiel. Der Müller-Thurgau war dabei. Und weil er allen dann auch noch gut schmeckte, wurde er bald überall angepflanzt. Was der VW Käfer als Auto schon war, wurde der Müller-Thurgau nun beim Wein – ein Volks-Wein sozusagen.

Was Lage und Ausrichtung angeht, ist er nicht besonders anspruchsvoll. Je besser er versorgt wird, desto mehr Trauben liefert er. Also düngte man reichlich. Und der Müller-Thurgau ackerte, bis er im Herbst unter der Last seiner Trauben fast zusammenbrach. Brachte er nicht genug ein, waren seine Tage gezählt und er wurde rasch mit frischem Material ersetzt. Vom Müller-Thurgau-Rausch erfasst, pflanzten immer mehr Winzer den vermeintlichen Goldesel in ihre Weinberge, mästeten ihn und quetschten ihn aus. Jahrein, jahraus.

Als der erste Nachkriegsdurst gestillt war, die Wirtschaft rasch an Fahrt aufnahm und der Wohlstand in der Bevölkerung wuchs, wurde auch ihr Geschmack anspruchsvoller. Der Müller-Thurgau war schnell als Allerweltwein verschrien und wollte immer weniger Menschen schmecken. Als man schliesslich erkannte, dass mehr nicht immer besser ist, war es für den Müller-Thurgau schon zu spät. Sein Ruf als eierlegende Wollmilchsau wurde zum Klischee, an dem nicht mehr zu rütteln war. Einst zur Ehre seines Züchters benannt, wurde aus Müller-Thurgau ein Synonym für dürftige Tropfen. Selbst als man ihn vielerorts in Rivaner unbenannte, wollte sich ein Umschwung nicht mehr einstellen. Bis heute nicht.

Dabei kann der Müller-Thurgau durchaus ein schmackhafter Wein sein. Doch die Vorurteile wogen schwerer und bestimmten fortan seinen Geschmack. Dass er sich bis 2009 an der Spitze der meistangebauten Rebsorten in Deutschland halten konnte, hat auch damit zu tun, dass Müller-Thurgau in der Zwischenzeit zu Schleuderpreisen auf der Fläche verramscht wurde. Er wird es heute noch.

Als der Riesling schliesslich die Führung übernahm, waren die Zeiten andere geworden. Einst als edelster Weisswein auf der ganzen Welt gerühmt, gehörte er auch zu den teuersten. Da diesen Zeiten nachzutrauern allein keine Veränderung bringen würde, setzte nach und nach ein Qualitätsstreben ein, das lange verschollen war. Das Ansehen deutscher Weine in der Welt gewann mit dem Riesling wieder an Bedeutung. Sein Anbau kann sich für den Winzer also lohnen. Sollte er im Besitz berühmter Lagen an Mosel oder Rhein sein, ist die Rente gesichert. Der Müller-Thurgau indes schaut betrübt aus seiner Flasche. Obwohl er gut schmeckt. Richtig gern will ihn keiner mehr haben.

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